„Mit Religionen im Dialog“ – Veranstaltungen mit Religionsgemeinden, Bezirksbürgermeister und Stadträt*innen 2021 Teil 3 26.8.2021, 17-20 Uhr, Thema: Die soziale Funktion von Gemeinden

Das dritte Treffen zwischen muslimischen Religionsgemeinden, dem Bezirksbürgermeister von Mitte und Stadträt*innen fand im Pakistanischen Kulturverein e.V. in der Müllerstraße 47a in 13349 Berlin statt. Einführend legte Stefanie Tragl (Mitte im Dialog) die vielfältigen sozialen Funktionen von Religionsgemeinden dar: für viele Zugezogene mit muslimischem Glauben fungierten sie als Orte des Ankommens und der Geborgenheit. Für diese Menschen hätten Gemeinden auch eine Brückenfunktion zu den sozialen Regeln und dem Rechtssystem hierzulande. Wichtige Lebensereignisse seien für Gläubige oft mit der Gemeinde verknüpft: Geburt und Einschulung von Kindern, Eheschließung und -beratung in Krisen oder der Tod von Angehörigen. Auch bei Fragen der Existenzsicherung oder bei Problemen im Umgang mit Behörden suchten Menschen in der Gemeinde Beistand und Rat. In Hinblick auf persönliche Probleme sei der Iman oft eine wichtige Ansprechperson. Im Gegensatz dazu sei das Bezirksamt erst einmal lediglich eine anonyme Adresse.

Faiz Ahmed von der gastgebenden Gemeinde bestätigte dies. Insbesondere freitags sei die Gemeinde ein wichtiger sozialer Treffpunkt. Vor Corona hätten sich freitagabends stets zahlreiche Menschen in den Räumen versammelt, was durch die Pandemie ausbliebe. Er sagte, der Pakistanische Kulturverein leiste durch viele Angebote (beispielsweise Sprachkurse, Näh- und Kochkurse) einen großen Beitrag zur Integration. Es wäre noch viel mehr zu tun, aber die ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen seien schon voll ausgelastet.

Carsten Spallek (Stadtrat für Schule, Sport und Facility Management) zog Parallelen zwischen der sozialen Funktion von Gemeinden und der sozialen Funktion des Sports: beides gründe auf gemeinsamen Werten und Zielen. Darüber hinaus finde in beiden Bereichen wichtige Integrationsarbeit statt und Menschen lernten sich kennen. In Bezug auf das Thema Schule und insbesondere den Schulbeginn fragte Herr Spallek nach konkreten Hilfebedarfen: „Was können wir dazu beitragen, dass Schule als Bildungsraum für alle wahrgenommen wird?“. Iman Andrea Reimann (Deutsches Muslimisches Zentrum Berlin e.V.) antwortete, dass Übergänge von Kindergärten in Schulen besser begleitet und gestaltet werden könnten, insbesondere bei Kindern mit besonderen Bedarfen. Der Kontakt zwischen den Institutionen sei schwierig, es gebe keine Ansprechpersonen in den Schulen. Zudem sei die Haltung von schulischem Personal oft nicht einladend und annehmend. Herr Spallek wandte ein, dass das Bezirksamt keine Lehrer ausbilde und es eigentlich in deren Ausbildung Module zur Sensibilisierung für kulturelle Vielfalt geben müsse. Diese Inhalte werden aber nicht immer im Alltag angewendet. Mubarak Nur (Afrikanischer Muslimkreis) schlug vor, beim Übergang von der Kita in die Schule in Zusammenarbeit mit Gemeinden Bildungslotsen einzusetzen und Unterstützung in mehreren Sprachen anzubieten.

Sami Atris (Al-Hassanein-Moschee) brachte zur Sprache, wie wichtig Aufklärung über mögliche Bildungswege für die Lebensläufe junge Menschen sei. Herr Spallek stimmte zu, dass dies eine Aufgabe von Pädagog*innen sein müsste. Diese seien mit dem Unterricht jedoch häufig schon überfordert. Er fragte, ob es darüber hinaus etwas geben müsse. Iman Andrea Reimann antwortete, es brauche „menschliche Türöffner“. Bei Angeboten wie dem schulpsychologischen Dienst sei es teilweise schwierig für Eltern, einzuschätzen, was diese täten. Oft herrsche auch Angst vor Stigmatisierung. Bei Gesprächen auf Augenhöhe könne Begegnung geschehen und Hemmungen abgebaut werden.

Hier kam eine Idee aus dem letztem Treffen erneut zur Sprache: eine Sprechstunde mit Bezirksamts-Vertreter*innen und Ansprechpersonen in einer Moschee. Eventuell könnte dies mit neuen Auszubildenden des Bezirksamt erstmals durchgeführt werden.

Auf Herrn Spalleks Frage, ob es eventuell ein Konkurrenzgefühl zwischen Gemeinden und der Verwaltung gebe, welches die Zusammenarbeit eventuell erschwere, war die einheitliche Antwort der Anwesenden Gemeindevertrater*innen, dass dies definitiv nicht der Fall sei. Eine bessere, vertrauensvollere Zusammenarbeit würde eine Entlastung darstellen, über die die Gemeinden sehr froh wären.

Sami Atris berichtete aus seiner Gemeindearbeit, dass Begräbnisse für bedürftige Gemeindemitglieder häufig durch die Gemeinschaft finanziert werden. Zudem pflegten sie enge Kontakte zu Schulen, und seien auch für Leute außerhalb der Gemeinde offen. Der Verein sei nun jedoch obdachlos, da sie ihre Räumlichkeiten verlassen mussten. In der Mietsache seien sie wie ein Gewerbe behandelt worden. Er fragte Herrn von Dassel (Bezirksbürgermeister Berlin Mitte), wohin sie sich wenden könnten. Dieser bekräftigte, dass die Situation auf dem Immobilienmarkt dramatisch sei und das Gewerbemietrecht auf Bundesebene geändert werden müsse. Das Bezirksamt arbeite zudem an einer Liste mit Einrichtungen und verfügbaren Gewerbeobjekten. Nach den Wahlen werde es hier weitergehen. Es gebe auch Flächen, die das Bezirksamt gelegentlich zur Verfügung stellen könne (beispielsweise Schulräume am Wochenende). Als Atris erwiderte, er habe gerade genau so ein Angebot erhalten und warte auf eine Rückmeldung von der Verwaltung, schlug von Dassel einen direkten Austausch dazu vor.

Herr von Dassel fragte, wie man Vertrauen schaffen könne, damit Menschen zur Behörde kämen. Bei vielen Themen (beispielsweise häuslicher Gewalt) könne das Bezirksamt helfen. Herr Ahmed und Herr Atris betonten, dass es beim Kontakt mit Verwaltungsmitarbeiter*innen und Ratsuchenden an der persönlichen Beziehung mangele. Daher herrsche oft Misstrauen. Diversität bei Verwaltungsmitarbeiter*innen sei hilfreich, so Stefanie Tragl. Michael Bäumer (Berliner Forum der Religionen) wies hierbei auf das interreligiöse und interkulturelle Fortbildungsangebot seines Vereins für Mitarbeitende in Behörden hin.

Abschließend konnten sich alle Teilnehmenden, die an der Institutionalisierung der vergangenen drei Treffen interessiert sind, in eine Liste eintragen. Geplant ist ein aus dem Projekt organisiertes Treffen dieser Gruppe bis Ende 2021. Herr von Dassel schlug vor, bei weiteren Treffen ähnlich wie die jährlichen Versammlungen der Bürgerinitiativen vorzugehen. Diese arbeiten bei ihren Treffen mit der Verwaltung gemeinsam Themen heraus, lernen sich kennen und vernetzen sich.

Das Projektteam bedankt sich für den lebendigen Dialog! Wir hoffen, dass Zeit, Beziehungen und Regelmäßigkeit eine Verstetigung dieser Runden möglich machen werden.